Was für ein Hotel. Ein Spa, das sich wie selbstverständlich an die Berge lehnt, als wäre es schon immer Teil dieser Landschaft gewesen. Schon im Eingangsbereich umfängt mich diese besondere Mischung aus warmem Holz, gedämpftem Licht und einem kaum wahrnehmbaren Hauch von Kräutern in der Luft. Alles hier scheint darauf ausgelegt zu sein, dass man langsamer wird – und irgendwann ganz in sich hineinhorcht.
Der Weg durch den Wellnessbereich führt an ruhigen Wasserflächen vorbei, an leisen Brunnen, an Liegen, die aussehen, als würden sie einen förmlich umarmen wollen. Der Infinity-Pool draußen schwebt über den Baumwipfeln, eingehüllt in feinem Dampf, der vom warmen Wasser aufsteigt und in der klaren Bergluft sofort wieder verfliegt. Schon der erste Blick hinaus ins Panorama lässt mich schwerer atmen.
Ich lasse mich auf einer der breiten, weichen Liegen nieder. Der Stoff ist warm vom Raumklima, die Decke fühlt sich an, als würde sie mich in Watte einpacken. Vor mir eine Tasse Tee – dann noch eine – und schließlich verliere ich das Zeitgefühl. Der Tee breitet sich in meinem Körper aus wie eine sanfte Welle, die Wärme wandert bis in meine Fingerspitzen und Zehen. Mein Bauch fühlt sich weich an, mein Atem langsam. Gleichzeitig wächst in mir ein leiser Druck, kaum spürbar zuerst, wie ein winziges Klopfen, das mich daran erinnert, dass Tee nicht einfach verschwindet.
Mit jeder Tasse wird dieses Gefühl deutlicher. Ein warmes Ziehen tief im Unterbauch, ein runder Druck, der immer wieder zurückkehrt, besonders wenn ich mich bewege. Das weiche Polster der Liege scheint ihn fast zu verstärken, die Wärme der Luft legt sich wie ein Film auf den ganzen Körper. Es ist nicht unangenehm, nur sehr präsent – wie eine freundliche Aufforderung aufzustehen, bevor Entspannung in Trägheit umschlägt.
Ich atme aus, schiebe die Decke zur Seite und stehe auf. Der Bademantel gleitet über meine Schultern nach unten, schwer und warm vom Liegen. Ich lasse ihn auf der Liege zurück und gehe zum Innenbecken. Die Fliesen unter meinen Füßen sind warm, und als ich die erste Wasserstufe betrete, steigt mir sofort ein Hauch Chlor in die Nase – sauber, vertraut, fast beruhigend.
Das Wasser im Innenpool ist heiß. Es umfängt mich sofort, zieht wie weiche Hitze an mir hoch, umschließt mich vollständig – und als es meinen Unterbauch erreicht, stockt mein Atem für einen Moment. Die Wärme verstärkt den Druck, macht ihn realer, unmittelbarer. Kurz denke ich daran, einfach nachzugeben, aber ich schüttle den Kopf, atme tief ein und halte dagegen. Noch nicht. Noch möchte ich hinaus ins Freie, dorthin, wo der Wind über den Rand des Pools weht.
Gemächlich schwimme ich zum Durchgang, und als ich hindurchgleite, trifft mich der kalte Bergwind wie ein kurzer Schauer. Die Luft ist klar, fast scharf, aber das Wasser bleibt ein schützender Mantel um mich herum. Das Panorama öffnet sich: Berge in klaren Konturen, Wälder in tiefem Grün, ein Himmel, der bereits in leises Abendgold kippt. Für einen Moment verschmilzt alles – die Kälte an den Schultern, die Wärme im Wasser, die Stille der Berge.
Dann kommt der Moment, der alles löst. Erst ist es nur ein kurzes Nachgeben, ein warmes Pulsieren tief in meinem Inneren. Ich erschrecke nicht, ich halte nicht gegen – ich bin schlicht zu entspannt. Der Druck löst sich Stück für Stück, ein sanftes, körperliches Aufatmen, das in mir nachhallt. Die Erleichterung breitet sich wie ein weicher, warmer Strom durch meinen Körper aus, nimmt die Spannung mit sich und lässt mich vollständig ankommen. Für einen Moment schließe ich die Augen und spüre nur dieses Nachlassen, dieses tiefe, körperliche Entspannen. So bleibe ich schließlich im Wasser stehen, ruhig atmend, mit dem Blick in die Berge. Ein friedlicher, intimer Moment mit mir selbst – nicht spektakulär, aber tief und vollkommen echt.
Schließlich schwimme ich langsam zurück zum Beckenrand, steige hoch und greife nach meinem Bademantel. Der Stoff ist weich, fast kuschelig nach der warmen Nässe. Mit ruhigen Schritten gehe ich zurück zu meiner Liege. Der Wellnessbereich ist gedämpft, still, irgendwo klirrt eine Tasse. Ich setze mich, sinke zurück in die weiche Polsterung und fühle mich schwer und gleichzeitig hellwach.
Dann strecke ich die Hand aus und schenke mir mit einem leisen Lächeln einfach noch einen warmen, duftenden Tee ein.
Anscheinend zeigt der Tee bald wieder seine Wirkung, und ich spüre erneut das vertraute Ziehen im Unterbauch. Gleichzeitig kriecht mir eine Kälte über die Haut – wohl das Ergebnis der nassen Badesachen, die die Wärme des Wassers schnell verloren haben. Ein Schaudern läuft über meine Schultern, als ich an den Gedanken denke, noch einmal hinaus ins Freie zu schwimmen. Draußen ist es mittlerweile dunkel geworden, die Berge haben ihre Konturen fast vollständig verloren, und die kühle Nachtluft wirkt scharf gegen die feuchte Haut. Dazu schleicht sich ein leises Gefühl von Müdigkeit ein; ich weiß, dass ich bald aufbrechen möchte und dass es keinen Grund gibt, mich zu zwingen.
So stehe ich schließlich auf der Pooltreppe, das Wasser reicht mir bis knapp über die Knie. Die Füße ruhen warm auf dem Boden, während der Rest des Körpers noch von der kühlen Luft berührt wird. Für einen Moment lasse ich mich einfach fallen, lehne mich ans Geländer, und spüre ein leises, warmes Nachgeben – ein winziges, kaum merkliches Strömen, das an meinen Beinen entlang ins Wasser gleitet, wie ein kleines Bächlein, das sanft im Pool verschwindet. Es ist völlig unaufdringlich, fast wie ein heimlicher Augenblick, den nur das Wasser selbst zu sehen bekommt. Ich schließe die Augen, atme tief ein, genieße die Wärme, den Chlorgeruch und die stille, menschliche Erleichterung, die sich langsam durch meinen Körper ausbreitet.
Abendgold über den Bergen
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Zischelgeräusch
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